Die Wiege des Schweizer Judentums
Jüdisches Leben ist im aargauischen Surbtal seit Anfang des 17. Jahrhunderts belegt. Damit beginnt ein neues Kapitel der jüdischen Geschichte in der Schweiz, nach Jahrhunderten der zeitweisen Duldung, Vertreibung und Auslöschung im Mittelalter. Bis ins 19. Jahrhundert waren Endingen und Lengnau die einzigen Orte in der Alten Eidgenossenschaft, in denen sich Jüdinnen und Juden niederlassen durften. So entstand ein reiches jüdisches Kulturleben mit Traditionen, Bräuchen, Ritualen und einer eigenen Sprache, dem Surbtaler Jiddisch. Zudem bildeten sich zwei blühende jüdische Gemeinden mit entsprechender Baukultur.
Jüdisches Leben im Surbtal bis zur Emanzipation 1866
Bis zur Emanzipation 1866 lebte die jüdische Bevölkerung in Endingen und Lengnau als „fremde Schutzgenossen“. Ihr Aufenthaltsrecht mussten sie sich alle 16 Jahre von der Tagsatzung erkaufen. Der Landvogt von Baden regelte die Niederlassungsbedingungen und die Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt. Die Juden durften kein Handwerk ausüben, kein Land kaufen, keine Häuser bauen und auch nicht als Bauern tätig sein. Viele lebten in Armut, betrieben Tuchhandel oder waren als Hausierer und Marktfahrer unterwegs. Wohlhabendere betrieben Vieh- und Pferdehandel.
Trotz dieser Einschränkungen entwickelten sie ein eigenständiges, religiöses und kulturelles Leben. Die Gemeinden wählten eigene Organe und kümmerten sich um das Schulwesen und die Armenfürsorge.
Im Jahr 1750 erhielten die Jüdinnen und Juden in Lengnau die Erlaubnis zum Bau einer Synagoge, 1764 auch in Endingen. 1750 wurde der jüdische Friedhof eingeweiht.
Dies ermöglichte die Entwicklung einer Infrastruktur für das jüdische Gemeindeleben. Zahlreiche historische Bauten, wie die beiden Synagogen, die Mikwen (rituelle Tauchbäder), Schulhäuser, Gemeindehäuser und der jüdische Friedhof zeugen von dieser blühenden Gemeinschaft.
Schutz- und Schirmbrief von 1776.
Jüdisch-Christliches Zusammenleben
Bemerkenswert ist das dörfliche Zusammenleben der einheimischen Christinnen und Christen und der zwangsweisen angesiedelten jüdischen Minderheit. Trotz des «Judenmandats» von 1776, das ein Leben unter einem Dach für die jüdische und christliche Bevölkerung verbot, lebten Jüdinnen und Juden in Endingen und Lengnau nicht in Ghettos, sondern gemeinsam verteilt in den Häusern der beiden Dörfer.
Unterbrochen wurde das friedliche Zusammenleben im «Zwetschgenkrieg» von 1802, einem Pogrom mit Plünderungen und Vertreibungen von jüdischen Familien.
Abwanderung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Nach der rechtlichen Gleichstellung der Jüdinnen und Juden in der Schweiz 1866 setzte die Abwanderung aus den Dörfern Endingen und Lengnau in kleinere und grössere Städte ein. Von den ursprünglich 1.500 jüdischen Einwohnerinnen und Einwohnern um 1850 blieben bis 1900 noch 300 Menschen im Surbtal.
Die Abwanderung führte viele jüdische Familien nach Baden, Zürich und in andere Städte in der Schweiz, aber auch ins Ausland, nach Frankreich, in die USA und später auch nach Israel. Unter den Emigrantinnen und Emigranten waren später bekannte Persönlichkeiten wie der amerikanische Filmregisseur William Wyler, der Komponist Ernest Bloch sowie die Guggenheim-Familie, die u.a. das Guggenheim-Museum in New York gründete.
Weitere Abwanderungsgeschichten, siehe Die goldene Medine: jüdische Emigrationen aus dem Surbtal.
Salomon Guggenheim (1861-1949). Quelle: Israelitisches Alters- und Pflegeheim Lengnau
Die Guggenheim-Familie
Zu den bekanntesten Auswanderinnen und Auswanderern gehört die Familie Guggenheim. Simon Meyer Guggenheim, 1792 in Lengnau geboren und als Schneider tätig, heiratete 1824 Charlotte Levinger und hatte sechs Kinder. Nach deren frühem Tod und finanziellen Schwierigkeiten wanderte er 1847 mit seinem Sohn Meyer und der verwitweten Rachel Weil (seiner zweiten Frau) sowie deren sieben Kindern nach Amerika aus. In Philadelphia legten sie den Grundstein für den glanzvollen Aufstieg der Guggenheim-Dynastie zu einer der wohlhabendsten Familien der USA um 1900. Zu ihren Nachkommen zählen u.a. Solomon R. Guggenheim, Gründer des Guggenheim Museums in New York, oder die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim.
Verlassene Heimat als Identität- und Erinnerungsort
Im 20. Jahrhundert beschleunigte sich die Abwanderung der jüdischen Bevölkerung aus den Surbtaler Gemeinden. Um 1950 lebten hier nur noch knapp hundert Jüdinnen und Juden, einige im Altersheim Margoa.
Die Mehrheit der Nachkommen der auf dem jüdischen Friedhof begrabenen Vorfahren leben in aller Welt verstreut. Die Verbundenheit mit der alten Heimat ist geblieben.
Oft kehrten die Auswanderinnen und Auswanderer zurück, so auch der in Hollywood berühmt gewordene Regisseur William Wyler. Er besuchte 1960 seinen Bürgerort Endingen und klopfte einen Jass mit Behördenvertretern. Aber auch diejenigen, die in der Schweiz geblieben sind, wünschen oft, nach ihrem Tod ebenfalls auf dem jüdischen Friedhof in Endingen-Lengnau bestattet zu werden.
Viele der heute in der Schweiz lebenden jüdischen Familien haben ihren Heimatort im Surbtal. Die bekanntesten Familiennamen sind Bernheim, Bloch, Bollag, Braunschweig, Dreifuss, Gideon, Guggenheim, Meyer, Moos, Oppenheim, Picard, Schlesinger, Weil und Wyler. Auch bekannte Persönlichkeiten wie der Maler Varlin (Willi Guggenheim), der Schriftsteller Kurt Guggenheim, die Künstlerin Alis Guggenheim und die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss haben ihre Wurzeln in dieser Region.
Alis Guggenheim (1896-1958), geboren in Lengnau, war eine jüdische Künstlerin, die auch den wichtigen Lengnauer Bilderzyklus malte.
Kurt Guggenheim (1896-1983) gilt als Chronist und Ethnograf der Weltkriegsgeneration.
Hollywood Regisseur William Wyler (1902-1981), hier 1960 in seiner Heimat Endingen bei einem Jass im Restaurant Schützen (rechts vorne im Bild).
Doppeltür-Häuser
Die mit zwei identischen Eingängen ausgestatteten Doppeltür-Häuser gelten als bauliche Zeugen des jüdisch-christlichen Zusammenlebens im Surbtal. Die genaue Wohnform in den Doppeltürhäusern ist nicht abschliessend erforscht, ihre historische Bedeutung umstritten. Die dörfliche Form des damaligen Lebens lässt jedoch auf das Mit- und Nebeneinander schliessen. Und so wird heute die Doppeltür als Zeugnis des Zusammenlebens zweier unterschiedlichen Kulturen gelesen – auch mit hohem Symbolcharakter für unsere gegenwärtige vielfältige Gesellschaft.