Doppeltürhäuser – gelebtes Nebeneinander

Die Häuser im Surbtal mit den zwei Türen sind einmalig. Und fallen schnell ins Auge. Der doppelte Eingang ist aber keine architektonische Spielerei, sondern hat einen geschichtlichen Hintergrund.

Ein Dach, zwei Türen

Die Doppeltürhäuser in Lengnau und Endingen gelten als architektonische Zeugnisse des jüdisch-christlichen Zusammenlebens im Surbtal. Sie verfügen über zwei identische Eingänge nebeneinander. Ob diese Häuser tatsächlich gleichzeitig von jüdischen und christlichen Familien bewohnt wurden, ist wissenschaftlich jedoch nicht abschliessend geklärt. Jüdinnen und Juden lebten zwar mitten im Dorf, doch offizielle Vorschriften forderten ihre räumliche Absonderung. So oder so sind die Türen ein starkes Sinnbild für Toleranz, Dialog und Koexistenz der beiden Religionen im Surbtal. Und bis heute besitzen sie einen starken Symbolcharakter für die Vielfalt unserer Gesellschaft.

Trennung mit System

Die besonderen Gebäude sind bis heute ein sichtbares Zeichen für einen Alltag zwischen Nähe und Distanz, von Trennung und Zusammenleben. Dabei gab es zwei architektonische Varianten:

  • Horizontale Trennung: Zwei Wohnbereiche mit separaten Eingängen an den Giebelmauern.
  • Vertikale Trennung: Ab etwa 1770 setzte sich zunehmend die Aufteilung über mehrere Stockwerke durch – jede Partei bewohnte ein eigenes Geschoss.

Vom Verbot zum Besitz

Ab 1776 durften sich Jüdinnen und Juden in der Eidgenossenschaft nur noch in zwei Dörfern niederlassen: Endingen und Lengnau. Das führte zu einem rasanten Bevölkerungswachstum und immer knapper werdendem Wohnraum. Das strikte Verbot, Häuser zu besitzen, geriet zunehmend unter Druck und wurde schliesslich aufgehoben. Um 1830 gehörte mehr als die Hälfte der Häuser in den beiden Gemeinden jüdischen Familien.

Historisches Erbe

Vor allem das Zentrum von Lengnau – der markante, dreieckige Dorfplatz – blieb fast ein Jahrhundert lang in jüdischer Hand. Auch in Endingen wohnten viele jüdische Familien an den besten Lagen. Obwohl das Verbot zum Häuserbesitz längst gefallen war, blieb ein architektonisches Erbe bestehen: die Doppeltürhäuser. 

Gesegnete Häuser

Wer durch die Gassen von Lengnau oder Endingen geht, entdeckt an manchen alten Häusern ein kleines, aber bedeutungsvolles Detail: eine Einkerbung am rechten Türpfosten. Hier war einst die Mesusa  befestigt – eine kleine Kapsel aus Holz oder Metall, in der ein Pergament mit hebräischen Segenssprüchen steckt – für die jüdischen Familien ein spiritueller Schutz für Haus und Bewohnende. Die Mesusa enthält den Text des “Schma Jisrael“ (“Höre, Israel“) und geht auf Verse aus der Tora – den fünf Büchern Moses – zurück: “Du sollst diese Worte an die Türpfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben.”

Doppeltürhaus Lengnau
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Doppeltürhaus Endingen
Doppeltürhaus Endingen
Doppeltuer Endingen Rankstrasse
Endingen Doppeltueren